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OTIS

„Nach meinem Umzug nach Berlin stand ich auch vor dem Problem der nächsten Platte. Die Lieder, die mir nach meiner Trennung hätten helfen können, hatte ich längst geschrieben und aufgenommen. Aber ich hatte meinen Frieden noch nicht gemacht. Ich las Balzac und stieß nebenbei auf die Odyssee von Homer. Die Irrfahrt eines liebenden Mannes, eines Vaters und Kriegsheimkehrers fern der Heimat. In Kirke, Kalypso, Hermes und den Sirenen erkannte ich die Menschen wieder, denen ich in Berlin begegnete und die mich bei sich aufnahmen. Ich beschloß meine Lesart der Odyssee in die neuen Songs einfließen zu lassen und machte mich an die Arbeit. Aber die Beschäftigung mit dem Mythos, durch den ich meine eigene Situation mit den Fragen unserer Zeit verbunden sah - Flüchtlings- und Asylpolitik, Diplomatie und Rechtsstaatlichkeit vs. Remilitarisierung und Faustrecht, Männer- und Frauenbilder in Zeiten der Krise, Imagination und Informationspolitik, Netzkultur als neuer Totalitarismus etc.pp. - wuchs sich immer weiter aus. Ich selbst verwuchs förmlich mit dem antiken Stoff. Alles war von Bedeutung. Bald hatte sich so viel Material angesammelt, daß es den Rahmen eines Albums gesprengt hätte. Ich stand vor einem Formproblem. Bis mir eines Morgens beim Verlassen meines Hauses die ersten Seiten des Romans wie ein langer Sprechtext zuflogen und ich beschloß, statt einer Platte ein Buch zu schreiben. Eine Geschichte, die von der Einsamkeit des modernen Menschen, seiner Orientierungslosigkeit und dem Abschied von einer Welt, wie wir sie kannten, handeln sollte. Der Religionsphilosoph Rene Girard war, mit seiner Theorien des Sündenbocks, dem Transparentmachen primitiver, bis heute wirksamer Opferungstechniken schon für „Heavy“ ein großer Einfluß gewesen. Jetzt stellte für mich die Literatur selbst so etwas wie einen Opferungsaltar dar. Als Erzählraum, in dem die in den Gesellschaften immer noch vollzogenen Gewaltrituale - vom Menschen- zum Tieropfer, über Folter und Vergwaltigung bis zur Sündenbockmentalität des medialen Prangers und Mobbings der Haterforen - am fiktiven Personal des Romans weiter durchexerziert werden. Das Ziel auch hier: Spannungsabbau. Meine Absicht war, mich durch Diskretion und einen fließenden, in sich ruhenden Erzählton von zeitgenössischen Schreibweisen abzusetzen, deren mangelndes Bewußtsein für diese Funktionsweise sie für mich ästhetisch reizlos und moralisch zweifelhaft machten. Ich wollte damit gegen eine Kultur des Ressentiments und der Verrohung anschreiben und den Hass, so wie ich auf Heavy gesungen hatte, verwandeln.“