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"WOHLFAHRTSAUSSCHÜSSE"
Etwas besseres als die Nation

„Nach den Pogromen in Rostock Lichtenhagen hab ich auf einer Fahrt nach Köln Schorsch Kamerun von den Zitronen im Zug getroffen. Wir haben uns im Speisewagen über die Vorfälle unterhalten. Zwei Jahre zuvor hatte ich in Hamburg und Frankfurt Veranstaltungen gegen die Wiedervereinigung und eine zu befürchtende Re-Nationalisierung, das Erstarken rechtsradikaler Tendenzen organisiert. Im August 92 hatten sich diese Befürchtungen bewahrheitet. Statt die Angriffe auf die Heime und die Tatenlosigkeit der anwesenden Polizei zu ahnden und sich auf die Seite der Opfer zu stellen, wurde dann vom Bundestag das Asylrecht abgeschafft. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ein absoluter Skandal. Die Folgen dieser Entscheidung, wie die jahrzehntelange Leugnung von Deutschland als Einwanderungsland, sind für das jetzige Versagen der deutsch-europäischen Einwanderungspolitik ebenso verantwortlich, wie der passiv-aggressive Politstil der Regierung Merkel, der Einwanderer und Flüchtlinge genauso sich selbst überläßt, wie die neoliberal abgehängten Hartzer, den erodierenden Mittelstand und die Frauen auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz. Ich war so aufgebracht, daß ich meinte, man müßte irgendetwas tun, Farbe bekennen, den öffentlichen Raum nicht irgendwelchen Nazi-Schlägertrupps und ihren Mitläufern überlassen. Gegenöffentlichkeit schaffen. Vielleicht eine Tour zum Thema. Auftritte mit Musik, Demonstrationen und öffentlichen Diskussionen in Rostock und anderswo. Zurück in Hamburg haben wir uns dann zusammengesetzt. Ted Gaier, Tobias Levin, Daniel Richter, Roberto Ohrt und mein Bruder waren dabei. Wir haben überlegt wie man das machen kann. Nicht nur organisatorisch, sondern mit welcher inhaltlichen Ausrichtung. Es sollte kein plumpes „Rock gegen Rechts“ sein – ein paar Bands spielen und alle fühlen sich gut und auf der richtigen Seite - sondern eine dezitiert politische, kritische und verschiedene Gruppen und Städte verbindende Aktion, an der die Bands nur beteiligt sind und nicht als Organisatoren in Erscheinung treten. Daniels Idee, das Ding „Wohlfahrtsausschuß“ zu nennen wurde sofort angenommen. Ted, mein Bruder und ich sind dann nach Rostock, Leipzig, Halle und Dresden gefahren, um den Antifa-Gruppen vor Ort unsere Idee vorzuschlagen und zu gucken, ob die was damit anfangen können. Konnten sie.“